Was ist die Arisierung?

Was bedeutet „Arisierung“ im Nationalsozialismus?

Durch die sogenannte „Arisierung“ wurde jüdisches Eigentum im Nationalsozialismus geraubt oder weit unter Wert an nichtjüdische Deutsche übertragen. Der Begriff stammt aus der Sprache der Nationalsozialisten. Gemeint war damit nicht nur ein wirtschaftlicher Vorgang, sondern ein wichtiger Teil der Judenverfolgung.

Jüdinnen und Juden sollten aus dem öffentlichen Leben, aus Berufen, aus der Kultur und aus der Wirtschaft verdrängt werden. Sie verloren Arbeitsplätze, Geschäfte, Wohnungen, Unternehmen, Kunstwerke, Möbel, Schmuck und viele andere Dinge. Die Nationalsozialisten entzogen ihnen damit Stück für Stück ihre wirtschaftliche Grundlage.

Zunächst wurden Jüdinnen und Juden ausgegrenzt

Schon kurz nach der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 begann die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert, beschmiert oder mit Schildern kenntlich gemacht. SA-Männer standen vor Geschäften und schüchterten Kundinnen und Kunden ein. Viele Geschäftsleute betonten, dass ihre Geschäfte „deutsch“ seien. 

Die Ausgrenzung betraf nicht nur Geschäfte. Viele jüdische Künstlerinnen und Künstler, Journalistinnen und Journalisten, Schriftsteller, Musiker, Schauspielerinnen, Ärzte, Anwälte oder Wissenschaftler verloren ihre Arbeit. Die deutsche Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft hatte vielen dieser Menschen sehr viel zu verdanken. Nun wurden sie ausgeschlossen, verfolgt und ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Einige Menschen flohen schon früh aus Deutschland. Viele andere blieben zunächst. Deutschland war ihre Heimat. Viele konnten sich nicht vorstellen, wie schlimm die Verfolgung noch werden würde.

Warum steht „Arisierung“ in Anführungszeichen?

Der Begriff „Arisierung“ stammt aus der Sprache der Nationalsozialisten. Er sollte so klingen, als sei die Übertragung jüdischen Eigentums an nichtjüdische Deutsche etwas Normales oder sogar Erwünschtes.

In Wirklichkeit war es Raub. Deshalb schreibt man heute oft: sogenannte „Arisierung“.

„Arisierung“ bedeutete Raub jüdischen Eigentums

Ab 1938 wurde der Druck auf Jüdinnen und Juden noch stärker. Sie mussten ihr Vermögen anmelden. Viele wurden gezwungen, ihre Geschäfte, Häuser, Wohnungen, Möbel oder Wertgegenstände zu verkaufen — oft zu viel zu niedrigen Preisen. Nach der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 mussten Jüdinnen und Juden ihre Gewerbebetriebe verkaufen oder abwickeln und auch Grundbesitz veräußern.

Viele nichtjüdische Deutsche profitierten davon. Sie kauften günstig Wohnungen, Möbel, Kleidung, Schmuck, Fabriken oder Geschäfte. Auch Unternehmen, Behörden und der Staat bereicherten sich an jüdischem Eigentum. Das war Raub — aber ein Raub, der durch Gesetze, Behörden und die Gewalt des NS-Staates organisiert und ermöglicht wurde.

Die Nationalsozialisten nannten diesen Vorgang „Arisierung“. Das Wort sollte harmloser klingen, als es war. Tatsächlich ging es um Entrechtung, Enteignung und Ausplünderung.

Wer profitierte von der „Arisierung“?

Von der „Arisierung“ profitierten nicht nur überzeugte Nationalsozialisten. Auch viele ganz normale Menschen machten mit oder schauten weg. Manche kauften Möbel aus jüdischem Besitz. Andere übernahmen Wohnungen oder Geschäfte. Firmen nutzten die Gelegenheit, jüdische Konkurrenten loszuwerden oder Unternehmen günstig zu übernehmen.

Das macht das Thema besonders wichtig. Die Judenverfolgung geschah nicht nur durch Befehle von oben. Viele Menschen waren beteiligt: Käufer, Nachbarn, Unternehmer, Beamte, Banken, Finanzämter, Versteigerer und Behörden. Auch die deutsche Wirtschaft beteiligte sich daran. 

Was wurde geraubt?

  • Geschäfte und Firmen
  • Wohnungen und Häuser
  • Möbel und Kleidung
  • Schmuck und Kunstwerke
  • Bankguthaben und Aktien
  • Praxen, Kanzleien und Betriebe

Nach dem Krieg wollten viele nichts mehr davon wissen

Nach 1945 wollten viele Menschen nicht mehr daran erinnert werden, dass sie von der „Arisierung“ profitiert hatten. Kaum jemand sprach gern darüber, wie er an eine günstige Wohnung gekommen war, wer vorher in dieser Wohnung gelebt hatte oder woher Möbel, Schmuck, Klaviere oder Geschirr wirklich stammten.

Viele Dinge aus jüdischem Besitz blieben in deutschen Haushalten. Oft wurde geschwiegen. Für die enteigneten jüdischen Familien war der Verlust aber nicht nur ein materieller Schaden. Ihnen wurde ein Teil ihres Lebens, ihrer Erinnerung und ihrer Geschichte geraubt.

Die sogenannte „Arisierung“ zeigt deshalb: Die Verfolgung der Jüdinnen und Juden begann nicht erst mit Deportationen und Massenmord. Sie begann auch mit Ausgrenzung, Berufsverboten, Boykott, Enteignung und dem Raub von Eigentum.


Blick zurück

Schon vor dem Nationalsozialismus gab es Antisemitismus und Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden. Nach 1933 machten die Nationalsozialisten daraus staatliche Politik. Ausgrenzung, Berufsverbote, Boykott und Enteignung bereiteten den Weg für immer brutalere Verfolgung.


Blick voraus

Die sogenannte „Arisierung“ wirkt bis heute nach. Noch immer wird nach Kunstwerken, Büchern, Möbeln oder Häusern gesucht, die jüdischen Familien in der NS-Zeit geraubt oder unter Zwang abgenommen wurden. Fachleute nennen das Provenienzforschung: Sie prüfen, woher ein Gegenstand stammt und wem er früher gehört hat.

Der Gegenwartsbezug ist wichtig: Unrecht beginnt oft nicht plötzlich. Es kann mit Ausgrenzung, Verboten, Behördenentscheidungen und scheinbar normalen Geschäften anfangen. Deshalb sollten wir heute fragen: Wer wird benachteiligt? Wer profitiert davon? Und wer schaut weg?