Simone


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Dass mein Vater bei der Stasi, also im Ministerium für Staatssicherheit, gearbeitet hat, wusste ich lange überhaupt nicht. Über seine Arbeit wurde zu Hause einfach nicht gesprochen.Wenn ich gefragt wurde, was mein Vater macht, habe ich gesagt, er geht ins Büro. Im Klassenbuch in der Schule stand bei "Beruf des Vaters": Angestellter.

Wir wohnten in einem der schicken Plattenbauten. Ein Bad und Zentralheizung waren selbstverständlich dort. Dass das in der DDR aber gar nicht selbstverständlich war, wurde mir auch erst später klar, als ich in die EOS kam und mich mit Petra angefreundet habe. Sie wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einem Altbau im zweiten Hinterhof. Das Haus war ganz schön runtergekommen und sie mussten mit Kohle heizen und ihre Toilette war im Hausflur eine Treppe tiefer.

In unserem Block wohnten übrigens lauter Familien, in denen der Vater bei der Stasi gearbeitet hat. Das wurde mir auch erst klar, als ich schon 14 oder 15 war. Ganze Straßenzüge wurden für die Familien der Stasi-Mitarbeiter frei gehalten. War ja auch praktisch, denn so kontrollierten die sich gleich gegenseitig...

Wir konnten zum Beispiel auch nach Bulgarien oder Jugoslawien in Urlaub fahren. Petra fuhr an die Ostsee und einmal in die Tschechoslowakei. Ich durfte dagegen auch ins Ferienlager. In der "Pionierrepublik Wilhelm Pieck" freundete ich mich mal mit einem Mädchen aus Frankreich an. Ihre Eltern gehörten dort der Kommunistischen Partei an, deswegen war sie auch dort. Wir schrieben uns Briefe. Auf den Umschlägen klebten also fremde Briefmarken. Das fiel auf und meine Eltern bekamen Besuch. Sie sollten auf mich einwirken, dass ich meiner Brieffreundin nicht mehr schrieb. Ich tat das dann auch, aber doof fand ich es trotzdem.

Meine Eltern haben mir und meiner Schwester immer gesagt, dass wir einmal die Sieger der Geschichte sein werden. Wenn wir alles für den Sozialismus geben, dann werden wir dem Westen irgendwann total überlegen sein. Das habe ich geglaubt, na klar.  Wer will nicht Sieger der Geschichte sein?

Dass die Wirklichkeit anders aussah, habe ich erst später begriffen. Ab da gab es natürlich den Kampf zu Hause. Ich sollte so funktionieren, wie meine Eltern das wollten. Jahrelang hatte das ja auch geklappt. Ich war ein vorbildlicher Pionier, gehörte zu den fleißigsten Altstoffsammlern, trat in die FDJ ein und wurde sogar FDJ-Sekretär.

Als ich das aber nicht mehr wollte und immer mehr kritische Fragen stellte, war Streit natürlich vorprogrammiert. Mein Vater wurde vom Ministerium auch unter Druck gesetzt. Die Kinder seiner Mitarbeiter sollten natürlich erst Recht nicht aus der Reihe tanzen. Aber ich wollte mich diesem Druck einfach nicht mehr beugen. Erst nach der Wende konnte ich halbwegs vernünftig mit meinen Eltern über diese Zeit reden.


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